Prognathie & Progenie: Kieferorthopädie bei vorstehendem Kinn

Prognathie & Progenie: Kieferorthopädie bei vorstehendem Kinn

Prognathie & Progenie: Kieferorthopädie bei vorstehendem Kinn

Michael Schumacher hat es, viele Nachkommen der Habsburgerdynastie hatten es und viele weitere Menschen haben es auch. Die Rede ist von einem vorstehenden Kinn oder Unterkiefer. Während ein dominanter Unterkiefer für manche ein durchaus positives, markantes Markenzeichen und Persönlichkeitsmerkmal darstellt, empfinden andere Betroffene das vorstehende Kinn als funktionell und/oder ästhetisch störend. In der Fachsprache wird die zugrundeliegende Kieferfehlstellung als Progenie oder Prognathie bezeichnet. Im Folgenden Beitrag geben wir Ihnen einen Überblick zu den Möglichkeiten einer kieferorthopädischen Behandlung bei markantem Kinn.

Inhaltsverzeichnis

 

Prognathie oder Progenie – Was ist das?

Eine Prognathie ist eine Kieferfehlstellung, die sich durch ein vorstehendes Kinn und einen dominanten Unterkiefer auszeichnet. Prominente Beispiele hierfür sind die Nachkommen der Habsburger oder Michael Schumacher.

Normalerweise überragen die oberen Schneidezähne die unteren Schneidezähne um etwa 1-2 mm. Wenn es, wie bei der Prognathie andersherum ist, spricht man von einem umgekehrten Überbiss oder frontalen Kreuzbiss. Im Volksmund wird die Prognathie häufig als Unterbiss bezeichnet. Bei den Betroffenen wirkt der Unterkiefer im Profil dominant.

Die Begriffe Prognathie und Progenie werden häufig synonym verwendet. Streng genommen gibt es einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen beiden Begriffen. Während die Prognathie (Latein -gnath = Kiefer) eine Dominanz des gesamten Unterkiefers beschreibt, handelt es sich bei einer Progenie (Latein: genio = Kinn) streng genommen um eine ausgeprägte Kinnprominenz unabhängig von der Ausbildung des restlichen Unterkiefers.

Der Einfachheit halber wird im folgenden Text nicht zwischen Prognathie und Progenie unterschieden. Beide Begriffe werden synonym für einen relativ zum Oberkiefer stark ausgebildeten Unterkiefer verwendet.

Prognather Gesichtsschädelaufbau

Prognather Gesichtsschädelaufbau

 

Was sind die Ursachen für eine Prognathie und für einen umgekehrten Überbiss?

Ein umgekehrter Überbiss kann seine Ursache entweder auf Zahn- oder auf Kieferebene haben.

Bei einem Problem auf Zahnebene stimmen die Achsen der Frontzähne nicht. Die oberen Schneidezähne stehen zu weit nach hinten geneigt, die unteren entsprechend zu weit nach vorne.

Besteht das Problem hingegen auf Kieferebene, so liegt der gesamte Unterkiefer zu weit vorne. Bei korrekter Achsneigung der Schneidezähne resultiert dann ebenfalls ein umgekehrter Überbiss. Eine Prognathie kann dabei durch ein zu geringes Wachstum des Oberkiefers oder durch ein übermäßiges Wachstum des Unterkiefers zustande kommen. Auch eine Kombination aus beidem ist möglich.

Genetische Faktoren spielen für die Entstehung einer Prognathie eine wichtige Rolle. Das Abklären von Kieferfehlstellungen in der Generation der Eltern oder Großeltern ist essenziell, um das Risiko für die Entwicklung einer Progenie bei Kindern abschätzen zu können. Wenn bei den Eltern eine Progenie vorliegt ist das Risiko für eine Progenie bei den Kindern deutlich erhöht.

 

Welche Folgen zieht eine Prognathie / Progenie nach sich?

Durch die Prognathie kann es zu funktionellen Beeinträchtigungen beim Kauen und Sprechen, sowie zu Kiefergelenksbeschwerden (CMD) kommen.

Zu einer Überbelastung der Kiefergelenke kommt es insbesondere dann, wenn bewusst oder unbewusst, versucht wird den Unterkiefer entgegen der skelettalen Unterkieferdominant muskulär nach hinten zu ziehen.

Neben einem nicht passenden Biss hat ein umgekehrter Überbiss auch eine psychosoziale Komponente. Ein besonders stark vorstehendes Kinn kann die Harmonie des Gesichtsprofils stören und sich somit negativ auf das Wohlbefinden und das Selbstbewusstsein des Betroffenen auswirken.

 

Wie kann man eine Progenie bei Kindern behandeln?

Liegt die Ursache eines umgekehrten Überbisses auf Zahnebene, so kann die Fehlstellung meist unkompliziert mit Hilfe herausnehmbarer oder festsitzender Zahnspangen korrigiert werden. In manchen Fällen reicht es auch aus, Störkontakte durch Entfernung oder Einschleifen betroffener Milchzähne zu beseitigen.

Wenn die Ursache der Progenie auf Kieferebene liegt, ist der richtige Therapiezeitpunkt für den Behandlungserfolg entscheidend. Prinzipiell gilt, dass das vorhandene Wachstumspotential des Unterkiefers nicht gehemmt werden kann. Das Oberkieferwachstum hingegen kann im jungen Alter, mit Hilfe einer speziellen Zahnspange gefördert werden. Somit besteht bei Kindern die Möglichkeit auf Kieferebene Einfluss auf das Missverhältnis zwischen den Kiefern zu nehmen. Wie gut eine Progeniebehandlung durch Nachentwicklung des Oberkiefers bei Kindern wirkt, hängt stark vom Alter ab. Grundsätzlich gilt hier, je früher desto besser, denn mit zunehmendem Alter verwächst der Oberkieferknochen immer stabiler mit dem restlichen Gesichtsschädel. Gleichzeitig wird die Einflussnahme auf die Oberkieferposition schwieriger bis unmöglich. Die ursächlich angreifende Progeniebehandlung bei Kindern findet aus diesem Grund im Rahmen einer sogenannten Frühbehandlung zwischen dem 6. und 9. Lebensjahr statt. Das Behandlungsziel ist dabei eine Harmonisierung der skelettalen Verhältnisse auf Kieferebene. Die Stellung der einzelnen Zähne spielt in einer solchen Frühbehandlung meist eine untergeordnete Rolle und wird in der Regel erst zu einem späteren Zeitpunkt behandelt.

Während das Wachstum des Oberkiefers mit etwa neun Jahren abgeschlossen ist, wächst der Unterkiefer noch deutlich über die Pubertät hinaus. Dies gilt es bei der Diagnostik und Behandlung einer Progenie bei Kindern zu berücksichtigen. Zur Abschätzung des noch zu erwartenden Unterkieferwachstums ist die Befragung der Eltern zu Kieferfehlstellungen in den Generationen davor sehr wichtig.

Vorher-/Nachherbilder einer Behandlung mit Delaire-Maske

Vorher-/Nachherbilder einer Behandlung mit Delaire-Maske

Die effektivste Methode zum Fördern des Oberkieferwachstums nach vorne ist die Kombination aus einer speziellen festsitzenden Zahnspange (GNE) in Kombination mit einer sogenannten Delaire-Maske. Mit Hilfe von Gummis die zwischen der Delaire-Maske und der Zahnspange im Mund gespannt werden, wird dabei eine Zugkraft auf den Oberkiefer ausgeübt. In der Folge wird der gesamte Oberkiefer nach vorne nachentwickelt.

Weiterhin können herausnehmbare Spangen, sogenannte funktionskieferorthopädische Geräte (Fränkel, FR III) zum Einsatz kommen, welche ebenfalls die Entwicklung des Oberkiefers nach vorne fördern oder ein bereits erreichtes Behandlungsergebnis stabilisieren.
 

Wie funktioniert eine Progeniebehandlung bei Erwachsenen?

Nach Abschluss des Wachstums kann ein vorstehender Unterkiefer entweder rein kieferorthopädisch oder durch kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgische Maßnahmen behandelt werden.

Ein durch reine Zahnfehlstellung bedingter umgekehrter Überbiss kann auch beim Erwachsenen meist kompromisslos alleine mit Zahnspangen behandelt werden.

Bei einer geringen bis moderaten Prognathie kann eine Kompensation der Kieferfehlstellung (Dysgnathie) auf Zahnebene erfolgen. Man spricht dann von einer dentalen Kompensation. Mit Hilfe einer Zahnspange werden dabei alle Zähne im Oberkiefer nach vorne und die im Unterkiefer nach hinten bewegt. Chirurgische Maßnahmen sind bei der dentalen Kompensation der Prognathie nicht nötig.

Liegt die Ursache der Prognathie auf Kieferebene und eine dentale Kompensation ist beispielsweise aufgrund des Ausmaßes der Abweichung nicht möglich oder aus ästhetischen Gründen nicht gewünscht, so besteht auch beim Erwachsenen die Möglichkeit das Problem auf Kieferebene zu adressieren.

Beim Erwachsenen ist kein Wachstum mehr vorhanden, welches gefördert werden kann. Zur Dysgnathiebehandlung ist dann eine kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgische Therapie nötig. Nach kieferorthopädischer Vorbehandlung zur Korrektur der Zahnstellung, erfolgt die Korrektur der Kieferfehlstellung durch einen Chirurgen. Oberkiefer und Unterkiefer werden im Rahmen der Dysgnathie-OP an die korrekte Position zueinander gesetzt. Man unterscheidet ein monognathes von einem bignathen Vorgehen. Mongnath bedeutet, dass nur ein Kiefer operativ verlagert wird. Bei einer bignathen Operation (Bimax-OP) werden beide Kiefer operativ verlagert. Ob mono- oder bimaxillär operiert wird, hängt zum einen vom Ausmaß der Dysgnathie, zum anderen von den Patientenwünschen in Bezug auf die resultierende Profilveränderung ab. Durch ein kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgisches Vorgehen kommt es im Vergleich zur dentalen Kompensation zu einer deutlich stärkeren Veränderung des Gesichtsprofils.

1. Prognathie vor Behandlungsbeginn

1. Prognathie vor Behandlungsbeginn

2. Nach Dysgnathiebehandlung (Kieferorthopädie + Bimax-OP)

2. Nach Dysgnathiebehandlung (Kieferorthopädie + Bimax-OP)

Ein weiterer Unterschied zwischen der kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgischen Behandlung und der rein kieferorthopädischen Progeniebehandlung ist, dass die Krankenkassen sich in diesen speziellen Fällen auch bei Erwachsenen Patienten häufig an den Kosten der kieferorthopädischen Behandlung beteiligen. An rein kieferorthopädischen Behandlungen ohne Chirurgie beteiligen sich die gesetzlichen Krankenkassen nach dem 18. Lebensjahr prinzipiell nicht. Bei den privaten Krankenversicherungen ist die Kostenübernahme abhängig von den individuellen Tarifbedingungen.

Kieferorthopäde Dr. Fabian von Rom

Dr. Fabian von Rom
Fachzahnarzt für Kieferorthopädie

Sie haben noch Fragen?

Gerne beraten wir Sie ganz individuell und persönlich in unserer kieferorthopädischen Fachpraxis in München – Unterföhring.

Vereinbaren Sie hier einen Termin. Wir freuen uns auf Sie.

Telefon: +49 (0)89 999 391 40
E-Mail: praxis@kieferorthopaede-vonrom.de


Vielleicht interessiert Sie auch unser Artikel zum Thema:
KIG – Was bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen?